Bei sehr vielen Krankheiten kann heute gut belegt davon ausgegangen werden, dass das Mikrobiom des Menschen eine große Rolle spielt, sowohl bei der Entstehung der Krankheiten als auch bei deren Verhinderung oder Heilung [1,2].

Das Mikrobiom umfasst die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper existieren und gemeinsam mit den menschlichen Zellen eine Art Superorganismus bilden. Dieses System haben wir bereits in einen anderen Beitrag beschrieben (Der Superorganismus Mensch).

Das Vaginom

Einzelne Aspekte in diesem Superorganismus erfahren allerdings mehr Aufmerksamkeit als andere, eine Tatsache, die auch ihrer physischen Größe geschuldet ist. Dass ein gesundes Ökosystem im Darm von großer Bedeutung für die Gesundheit ist, ist mittlerweile vielen Menschen klar. Andere Bereiche werden deutlich seltener diskutiert, wie etwa das Mikrobiom der weiblichen Sexualorgane, das sogenannte Vaginom.

Denn auch hier befindet sich ein komplexes Ökosystem mit wichtiger Funktion für die Gesundheit und der Abwehr von potenziellen Krankheitserregern. Dieses Ökosystem wird von Laktobazillen dominiert, die 80-95% der dort ansässigen Mikroorganismen darstellen [3,4]. Diese produzieren Laktat, wodurch sie den ph-Wert senken, unterstützen das angeborene Immunsystem und wirken aktiv gegen schädliche Bakterien [5].

Veränderungen, bzw. Störungen in der vaginalen Flora spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Krankheiten wie der bakteriellen Vaginose, sexuell übertragbaren Krankheiten, Harnwegsinfekten und Frühgeburtlichkeit [6-8].

Bakterielle Vaginose

Eine der häufigsten Krankheiten im Vaginalbereich ist die bakterielle Vaginose. Bei dieser Diagnose werden häufig Antibiotika eingesetzt, eine Maßnahme, die jedoch nicht zu langfristiger Heilung führt. [5]

Untersuchungen, die die Gabe von Lactoferrin bei bakterieller Vaginose untersuchten, konnten jedoch durchaus Erfolge vorweisen.

Eine Studie aus 2017 konnte zeigen, das Lactoferrin in der Lage war, die Anzahl an pathogenen Keimen zu verringern und gleichzeitig die Konzentration an Laktobazillen zu erhöhen. Diese messbaren Unterschiede traten bereits nach 2 Wochen der vaginalen Behandlung mit Lactoferrin auf [5].

Schwangerschaftsverlauf und Frühgeburtlichkeit

Das Vaginom hat aber noch viel tiefgreifendere Einflüsse, da es auch in engem Zusammenhang mit der Fertilität (Fruchtbarkeit) und dem Verlauf von Schwangerschaften steht.

Es ist bekannt, dass Infektionen durch pathogene Keime eine Rolle bei der Entstehung einer Frühgeburt spielen können. Durch die Anwesenheit dieser pathogenen Keime werden verschiedene proinflammatorische (entzündungsfördernde) Botenstoffe ausgeschüttet, die letztendlich über die Bildung von Prostaglandinen vorzeitige Wehen auslösen können [9].

Giunta et al. untersuchten bereits die Möglichkeiten der Intervention mit Lactoferrin bei Frauen, die ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt, ausgelöst durch eine Infektion, zeigten. Die orale Gabe von Lactoferrin senkte die Menge an proinflammatorischen Botenstoffen (Interleukin 6) im Vaginalsekret und konnte das vaginale Mikrobiom normalisieren und das Risiko einer Frühgeburt senken [9].

Eine kleinere Studie mit sechs Frauen, in deren Anamnese bereits Schwangerschaftsverluste, Frühgeburten sowie eine bakterielle Vaginose verzeichnet waren, zeigte ebenfalls eine deutliche Verbesserung des vaginalen Mikrobioms nach der Gabe von Lactoferrin [10]. Die Autoren verweisen auf ähnliche Ergebnisse im Tierversuch [11] und zeigen sich ebenfalls optimistisch, dass Lactoferrin dazu beitragen könnte, das Risiko von Frühgeburten durch Infektionen zu verringern.

Unabhängig von der Untersuchung des Mikrobioms konnte ein solcher Effekt von Lactoferrin bereits in früheren Humanstudien schon dargestellt werden [12].

Eine besondere Rolle spielt die Infektion mit Chlamydien, die häufig eine langfristige Gabe von Antibiotika erfordert, was das Risiko einer Resistenz deutlich erhöht wird. Auch hier konnte gezeigt werden, dass Lactoferrin bei intravaginaler Gabe erfolgreich sein kann [13].

Dysbiotische Fertilitätsstörung

Eine vaginale Dysbiose, d.h. ein Ungleichgewicht im vaginalen Mikrobiom, geht auch mit reduzierten Schwangerschaftsraten einher [14].

So konnte nach der Untersuchung der mikrobiellen Diversität in einer Studie vorausgesagt werden, ob eine künstliche Befruchtung (IVF) erfolgreich sein würde oder nicht [15].

Dank neuer Analysemethoden kann hier heute deutlich spezifischer interveniert werden. Aktuell wurde in einer Pilotstudie eine Triple-Therapie aus Antibiotikum, Probiotikum und Lactoferrin bei der endometrialen Dysbiose untersucht [16], mit der Schlussfolgerung, dass auch hier die Wiederherstellung des Mikrobioms einen deutlichen Vorteil hinsichtlich der Fertilisation bedeuten kann.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein gesundes Vaginom essenziell ist, um Fehlbesiedelungen und deren Folgeerscheinungen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Mehr Aufmerksamkeit durch die Forschung, der Einsatz von neuen Technologien und Therapieansätzen könnten hier eine Tür für ein völlig neues Behandlungsspektrum öffnen.

Lactoferrin wird seiner Rolle als multifunktionelles Protein gerecht und kann maßgeblicher Bestandteil solch innovativer Konzepte sein.


1        Carding S, Verbeke K, Vipond DT, Corfe BM, Owen LJ. Dysbiosis of the gut microbiota in disease. Microb Ecol Health Dis. 2015;26:26191.

2        Sekirov I, Russell SL, Antunes LC, Finlay BB. Gut microbiota in health and disease. Physiol Rev. 2010 Jul;90(3):859-904.

3        Forsum U, Holst E, Larsson PG, Vasquez A, Jakobsson T, Mattsby-Baltzer I. Bacterial vaginosis–a microbiological and immunological enigma. APMIS : acta pathologica, microbiologica, et immunologica Scandinavica 2005; 113: 81–90.

4        Cribby S, Taylor M, Reid G. Vaginal microbiota and the use of probiotics. Interdisciplinary perspectives on infectious diseases 2008; 2008: 256490.

5        Pino A, Giunta G, Randazzo CL, Caruso S, Caggia C, Cianci A. Bacterial biota of women with bacterial vaginosis treated with lactoferrin: an open prospective randomized trial. Microbial ecology in health and disease 2017; 28: 1357417.

6        Ma B, Forney LJ, Ravel J. Vaginal microbiome: rethinking health and disease. Annual review of microbiology 2012; 66: 371–389.

7        Hyman RW, Fukushima M, Jiang H, Fung E, Rand L, Johnson B, Vo KC, Caughey AB, Hilton JF, Davis RW, Giudice LC. Diversity of the vaginal microbiome correlates with preterm birth. Reproductive sciences (Thousand Oaks, Calif.) 2014; 21: 32–40.

8        Goldenberg RL, Hauth JC, Andrews WW. Intrauterine infection and preterm delivery. The New England journal of medicine 2000; 342: 1500–1507.

9        Giunta G, Giuffrida L, Mangano K, Fagone P, Cianci A. Influence of lactoferrin in preventing preterm delivery: a pilot study. Molecular medicine reports 2012; 5: 162–166.

10     Otsuki K, Imai N. Effects of lactoferrin in 6 patients with refractory bacterial vaginosis. Biochemistry and cell biology = Biochimie et biologie cellulaire 2017; 95: 31–33.

11     Yakuwa K, Otsuki K, Nakayama K, Hasegawa A, Sawada M, Mitsukawa K, Chiba H, Nagatsuka M, Okai T. Recombinant human lactoferrin has a potential to suppresses uterine cervical ripening in preterm delivery in animal model. Archives of gynecology and obstetrics 2007; 275: 331–334.

12     Paesano R, Pietropaoli M, Berlutti F, Valenti P. Bovine lactoferrin in preventing preterm delivery associated with sterile inflammation. Biochemistry and cell biology = Biochimie et biologie cellulaire 2012; 90: 468–475.

13     Sessa R, Di Pietro M, Filardo S, Bressan A, Rosa L, Cutone A, Frioni A, Berlutti F, Paesano R, Valenti P. Effect of bovine lactoferrin on Chlamydia trachomatis infection and inflammation. Biochemistry and cell biology = Biochimie et biologie cellulaire 2017; 95: 34–40.

14     Bernabeu A, Lledo B, Díaz MC, Lozano FM, Ruiz V, Fuentes A, Lopez-Pineda A, Moliner B, Castillo JC, Ortiz JA, Ten J, Llacer J, Carratala-Munuera C, Orozco-Beltran D, Quesada JA, Bernabeu R. Effect of the vaginal microbiome on the pregnancy rate in women receiving assisted reproductive treatment. Journal of assisted reproduction and genetics 2019; 36: 2111–2119.

15     Haahr T, Humaidan P, Elbaek HO, Alsbjerg B, Laursen RJ, Rygaard K, Johannesen TB, Andersen PS, Ng KL, Jensen JS. Vaginal Microbiota and In Vitro Fertilization Outcomes: Development of a Simple Diagnostic Tool to Predict Patients at Risk of a Poor Reproductive Outcome. The Journal of infectious diseases 2019; 219: 1809–1817.

16     Kyono K, Hashimoto T, Kikuchi S, Nagai Y, Sakuraba Y. A pilot study and case reports on endometrial microbiota and pregnancy outcome: An analysis using 16S rRNA gene sequencing among IVF patients, and trial therapeutic intervention for dysbiotic endometrium. Reproductive medicine and biology 2019; 18: 72–82.